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Welt-Journalist Thomas Heuzeroth: „Bin skeptisch, wenn es darum geht, auf die Werkzeuge des Online-Marketings zu setzen“

Ist Deutschland ein technikfeindliches Land und gibt es mittlerweile zu viel PR und zu wenig Journalismus? Wenn jemand diese Fragen beantworten kann, dann ist es Thomas Heuzeroth von der Welt. Frau Wenk sprach mit dem Technik- und Wirtschaftsjournalisten über die Zukunft und die Perspektiven des Journalismus, über Anrufe von PR-Beratern und darüber, ob sich die Presse mehr der Kniffe und Mechaniken des Online-Marketings bedienen sollte.

Sie berichten überwiegend über Technik. Ist Deutschland ein technikfeindliches Land?
Nein. Spannende Technik begeistert auch in Deutschland die Menschen. Sie wollen nur genau wissen, worauf sie sich einlassen. Daher dauert es bei uns manchmal etwas länger, bis sich die Menschen zu neuer Technik bekennen.

„Auf Tech-Presseveranstaltungen finde ich sehr oft keinen Platz mehr zum Hinsetzen“

Tech-Journalismus spielt hierzulande ja immer nur eine gewisse Nebenrolle. Hätte er nicht eine viel größere Relevanz verdient?
Das stimmt nicht so ganz. In den etablierten Medien ist das vielleicht noch so. Aber es gibt eine Vielzahl von Online-Nachrichtenseiten und Blogs, die sich damit beschäftigen. Auf Tech-Presseveranstaltungen finde ich sehr oft keinen Platz mehr zum Hinsetzen.

Wie steht es hierzulande um den Tech- und Digital-Journalismus?
Wer etwas sucht, findet auch spannende Geschichten zu Tech- und Digitalthemen. Oft begnügen sich die Berichte aber mit den technischen Details und ordnen die News nicht weiter ein. Die meisten Tech-Journalisten haben aber ihr Interesse zum Beruf gemacht und sind nicht spezifisch für diese Themen ausgebildet worden.

Was sind – ihrer Meinung nach – die größten Technik-Trends?
Autonomes Fahren, 5G, künstliche Intelligenz. Wir Journalisten haben hier noch auf Jahre hinaus viel zu berichten und zu erklären. Ich selber freue mich besonders auf Smartphones, die sich zu Tablets ausklappen lassen.

In den USA kommen mittlerweile auf einen Journalisten sechs PR-Berater. Hierzulande ist es kaum anders. Kann man dann noch in Ruhe arbeiten. Oder klingelt ständig ihr Telefon mit neuen Themen-Vorschlägen?
Das gehört zum Job. Journalisten sollten damit klarkommen. Wenn ich nicht gestört werden will, gehe ich erst gar nicht ans Telefon.

Was sagen Sie, wenn PR-Berater anrufen?
Es kommt sehr darauf an. Wenn ein PR-Berater anruft, um zu fragen, ob seine E-Mail angekommen ist, übe ich mich in höflicher Selbstbeherrschung, was meistens gelingt. Aber das gibt Minuspunkte. Ärgerlich sind auch Themenvorschläge am Telefon, die so speziell sind, dass sie keine Chance haben. Dann war der Anrufer zu faul, vorher zu recherchieren, mit wem er spricht.

„Ein großer Teil der Kommunikation wird derzeit daher gar nicht mehr von Journalisten eingeordnet“

Glauben Sie, dass es heute zu viel PR gibt, existiert zu wenig Journalismus oder ist der Mix derzeit genau richtig?
Es ist leicht gesagt, dass es zu viel PR und zu wenig Journalismus gibt. Aber es ist so wie es ist, die Nachfrage bestimmt hier das Angebot. PR und Öffentlichkeitsarbeit zielt ja längst nicht mehr nur auf Journalisten ab, sondern bedient auch direkt die Verbraucher. Ein großer Teil der Kommunikation wird derzeit daher gar nicht mehr von Journalisten eingeordnet.

Was muss heute eine gute Story haben, damit Sie sich noch dafür interessieren?
Sie muss relevant sein, also einen direkten Bezug zum Leser haben. Wenn sie dann noch exklusiv ist und auch ein wenig überraschend, dann stimmen die Zutaten.

Kann der Journalismus, so wie er sich derzeit darstellt überleben? Oder müsste er sich wandeln? Kann er sich möglicherweise dabei sogar etwas vom Online-Marketing oder klassischen Start-ups abschauen?
Wir sehen ja, wie sehr die Branche kämpft, das richtige Geschäftsmodell in der Digitalisierung zu finden. Selbst große Titel, die im Internet noch am besten skalieren können, tun sich schwer. Zugleich beobachten wir auch, dass immer mehr Menschen digitale Abos abschließen. Das ist derzeit der richtige Weg, weil das Wachstum der digitalen Werbung an den Medien weitgehend vorbeigeht, und fast ausschließlich bei amerikanischen Internetkonzernen landet. Dafür muss der Journalismus aber eben relevante Inhalte anbieten. Gute Chancen haben auch Nischenanbieter, die ihre eigene Zielgruppe finden. Ich bin etwas skeptisch, wenn es darum geht, auf die Werkzeuge des Online-Marketings zu setzen, weil man damit Gefahr läuft, nur den Mainstream abzudecken.

Weitere Journalisten-Gespräche. Unter anderem mit Hans-Peter Siebenhaar oder Peter Turi, gibt es hier und hier.

Erschienen in der Kategorie:
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